Julia, Carla, Viktor
Julia Elisabeth Mann, genannt Lula
(1877-1927)
Nur ein Buch haben Thomas und Heinrich Mann gemeinsam geschrieben, besser: gezeichnet: das Bilderbuch für artige Kinder, das den jüngeren Geschwistern die bürgerliche Welt in ihrer Doppelbödigkeit vor Augen führen sollte. Alle drei jüngeren Geschwister haben das seit 1933 verschollene Werk der älteren Geschwister studiert, und es mag seine Wirkung nicht verfehlt haben.

Sie tendiere zu sehr ins Bürgerliche - dies sollte Heinrich Mann der Schwester zeitlebens vorwerfen. Thomas Mann wiederum fand sich damit ab, sympathisierte sogar mit der aufstiegsorientierten Einstellung seiner Schwester: Aufstieg durch Heirat. In Kindertagen war Lula der Schwarm von Armin Martens, nach eigenem Bekunden Thomas Manns war es seine erste Liebe. Sie heiratete als erstes der Mann-Kinder, die es ja zusammen mit der Mutter nach München verschlagen hatte - nämlich im Jahr 1900 den Münchner Bankier Josef Löhr, der als Kunstgelehrter Dr. Institoris im Doktor Faustus Eingang fand. Die wohlhabenden Löhrs ereiferten sich in den folgenden Jahren über Heinrichs Umgang und beklagten sich über dessen Verlobte Inés Schmied. Heinrich und Julia brachen den Kontakt ab, Thomas und Katia Mann hielten während der Münchner Jahre Kontakt, es gab Besuche, kleinere Landpartien und ein Zusammensein mit der Mutter, der Josef Löhr eine Wohnung im Künstlerdorf Polling vermittelt hatte. Aus der Ehe stammten drei Töchter: Eva Maria (1901) sowie die Zwillinge Rosemarie und Ilsemarie (1907).

Julia Manns Leben fand ein plötzliches Ende: Am 10. Mai 1927 nahm sie sich durch Erhängen das Leben, die Untreue eines Geliebten mag dafür der Anlass gewesen sein. Thomas Mann, aber auch Heinrich hat ihr Tod tief erschüttert. "Meine Schwester war die inkarnierte Konvention. Daran lag ihr mehr als an allem anderen: nicht aufzufallen; zu erscheinen, wie man muß. Daran ging sie zugrunde." Was Heinrich Mann hier aus seiner Sicht der Konformität der Bankiersgattin zuschreibt, hatte wohl auch andere Gründe; die unglücklich Verheiratete betäubte sich über Jahre hinweg mit Morphium, woran sich auch nach dem Tod ihres Ehemannes 1922 nichts änderte. Wie viel Thomas Mann seine Schwester bedeutet hat, lässt sich am Ausspruch ablesen, sie sei gleichsam sein "weibliches Neben-Ich" gewesen.
...andere Geschwister (Julia, Carla, Viktor) - Heinrich, Thomas, Carla <br />
und Julia
Heinrich, Thomas, Carla
und Julia
...andere Geschwister (Julia, Carla, Viktor) - Viktor
Viktor
...andere Geschwister (Julia, Carla, Viktor) - Carla
Carla
...andere Geschwister (Julia, Carla, Viktor) - Julia
Julia
Carla Auguste Olga Maria Mann
(23. September 1881-30. Juli 1910)
Trotz aller Sympathien für Julia war Carla Mann die Lieblingsschwester von Thomas und vor allem von Heinrich Mann. Sie war eine von ihnen, eine künstlerische Existenz. Carla Mann behauptete sich als moderne und unabhängige Frau, die rauchte, sich schminkte und dem unbürgerlichen Beruf einer Schauspielerin nachging. Allerdings scheiterte ihre Karriere mangels schauspielerischen Esprits, und Engagements in Provinztheatern nahm sie nicht an. Noch bei einem Engagement in Göttingen war sie dem Tausendsassa und Widerpart Thomas Manns, Theodor Lessing, im Jahr 1906 näher gekommen, ein Schwabinger Bohemien, den ihre Mutter bereits gut kannte. Lessing charakterisiert die junge Carla als "resignierte Chaiselongueexistenz mit heroischer Sehnsucht nach einem Millionär".

Carla fand einen solchen Erlöser nicht. Nach einem Fehltritt mit einem bekannten Schürzenjäger versuchte dieser, sie zu erpressen. Ihre Ehre als unbescholtene Frau stand auf dem Spiel. Im jungen elsässischen Industriellen Arthur Gibo schien sie den Mann ihres Lebens gefunden zu haben; dieser verhielt sich zögerlich und ließ sich von seiner Familie leiten, die Carla nicht gern als zukünftige Schwiegertochter sehen wollte. Angesichts der Erpressungsversuche nahm sie sich am 30. Juli 1910 in der Wohnung der Mutter in Polling in deren Anwesenheit durch Zyansäure das Leben.

Für Thomas Mann, der sogleich aus dem naheliegenden Tölzer Feriendomizil aufbrach, war ihr Freitod ein Schock; er machte sich vor, ihre Belastung habe sie ganz allein tragen müssen. Wie später beim Suizid von Klaus reagierte er vorwurfsvoll: "Sie hatte bei dieser That kein Solidaritätsgefühl, nicht das Gefühl unseres gemeinsamen Schicksals. Sie hätte sich von uns nicht trennen dürfen." Dieses Schicksal seiner Geschwister war das Ringen mit der bürgerlichen Existenz. Beide Schwestern sind an den Zwängen ihrer Zeit zerbrochen.

Beide Brüder hat dieser Tod stark bewegt und zum Schreiben herausgefordert: Über die tragischen Umstände ihres Todes sind wir aus Heinrich Manns Bericht Carla, Thomas Manns Lebensabriss und dem 35. Kapitel des Doktor Faustus informiert, in dem er seine Schwester als Clarissa in Literatur verwandelt und die junge Schauspielerin in Pfeiffering Hand an sich legen lässt.
Karl Viktor Mann, genannt Vicco
(12. April 1890-21. April 1949)
Der Jüngste der Familie sollte einen anderen Lebensweg nehmen als seine Geschwister, ihn zog es nicht zu den Künsten hin. Im Jahr 1890 in Lübeck geboren, sorgte der baldige Umzug nach München dafür, dass er nicht in hanseatischer Umgebung aufwuchs, sondern in Pensionen in Augsburg und München, wo er das Max-Gymnasium besuchte.

1903 folgte er seiner Mutter Julia Mann (Hintergrund) auf das Gut Polling, wo seine Leidenschaft für die Landwirtschaft geweckt wurde. Er machte ein Volontariat am berühmten Staatsgut Weihenstephan bei Freising und setzte seine Studien nach dem Freiwilligenjahr beim Militär an der dortigen Schule für Agrikultur fort. Im Jahr 1914 absolvierte er rasch sein Agrarexamen und heiratete Magdalena Kilian. Unversehrt aus dem Weltkrieg heimgekehrt, war er beim Amt für Milchwirtschaft beschäftigt und machte Karriere als Fachmann für Agrarkredite bei Banken.

Seine Aufgabe als Sachverständiger gab er im Jahr 1939 zugunsten einer Tätigkeit als landwirtschaftlicher Berater bei der Wehrmacht auf. Viktor Mann dachte wohl nicht an Emigration. Als systemkonformer Fachmann schien er vor Diskriminierung sicher. Thomas und Heinrich Mann pflegten zeitlebens einen herzlichen aber seltenen Kontakt mit dem Bruder, der so ganz in seinem bürgerlichen Leben aufgegangen war und der sich von den Eskapaden der anderen Familienmitglieder distanzierte. Gleich nach Ende des Zweiten Weltkriegs kam Viktor Mann wieder in Amt und Würden und war erneut als Sachverständiger für Agrarkredite tätig.

Kurz vor seinem Tod im Jahr 1949 erschien seine Autobiographie unter dem Titel Wir waren fünf, in der er sich als unbekanntestes Mitglied der Familie in Erinnerung rufen wollte.