Heinrich Mann
27. März 1871-12. März 1950
"Ich bin geworden wie ich bin, (...) weil ich nicht werden wollte wie du", sagte Thomas Buddenbrook im Streit zu seinem Bruder Christian. Thomas Mann hat diesen Satz seiner Romanfigur auch auf sein Verhältnis zu Heinrich Mann gemünzt. Sternstunden der Weltliteratur verdanken sich diesen Gefühlen von Nähe, Herkunft und daraus resultierender Abgrenzung, ja von Hass.

Kein Bruderpaar hat die deutschsprachige Literatur des 20. Jahrhunderts derart geprägt wie Thomas Mann und sein Bruder Heinrich - jeder für sich, gemeinsam und gegeneinander. Ihre Rezeption folgte lange Zeit den Linien, die sie weltanschaulich trennten: der Zivilisationsliterat und Kommunisten-Sympathisant Heinrich auf der einen Seite des politischen Lagers, Thomas als "notorischer Villenbesitzer" und Hofmeister der Bürgerlichkeit auf der anderen. Schon zu beider Lebzeiten wurde die Frage gestellt, wer denn nun der bessere von beiden sei, wer schließlich der Nachwelt erhalten bleibe. Die Antwort darauf fällt leicht: beide und jeder auf seine Weise. Die Breitenresonanz der Gegenwart steht auf Thomas Manns Seite, was die Qualität und Aktualität Heinrichs Schaffen nicht im geringsten schmälert.
Heinrich - Porträt um 1915
Porträt um 1915
Heinrich - Heinrich und Thomas Mann in den Zwanziger Jahren
Heinrich und Thomas Mann in den Zwanziger Jahren
Heinrich - Porträt 1933
Porträt 1933
Heinrich - Porträt um 1945
Porträt um 1945
Heinrich Mann besuchte das Lübecker Katharineum bis zur zwölften Klasse; noch vor seinem Abitur und dem Tod des Vaters trieb es ihn hinaus, nach Dresden, wo er eine Buchhändlerlehre absolvierte und anfing, eine Existenz als Schriftsteller zu führen. Mit zwanzig Jahren wurde er Volontär im aufstrebenden Verlag der literarischen Moderne, bei S. Fischer in Berlin, wo er für zwei Jahre im Zentrum der literarischen Strömungen seiner Zeit stehen sollte, an der Universität hörte und die dortigen Cafés der Boheme frequentierte. Heinrich Mann unternahm ausgedehnte Auslandsreisen nach Paris und durch Italien, legte seinen ersten Roman, In einer Familie, vor und avancierte zum Herausgeber der Zeitschrift Das Zwanzigste Jahrhundert.

Als Thomas Mann verfrüht die Schule verließ, war sein älterer Bruder sein leuchtendes Vorbild: ein Intellektueller mit besten Verbindungen, vielseitigen Interessen, er war erfolgreich und schlug die Karriere eines Schriftstellers ein. Die Brüder gaben für viele Jahre ein gutes Team ab, reisten nach Rom und Palestrina, philosophierten und planten ihre schriftstellerischen Würfe gemeinsam. Ihre Konversation aus Lübecker Tagen, das "Gippern", eine ironische Lästerei, pflegten beide auch in der Zeit bis 1900. Die Briefwechsel zwischen den Brüdern zeugen von tiefer Verbundenheit und dem hohen Niveau ihrer künstlerischen Auseinandersetzung. Rasch wurde allerdings klar, dass beide so gut wie Partner auch Konkurrenten waren. Es gab den ersten scharfen Streit, Thomas Mann musste sich von Heinrich unterscheiden lernen - noch fehlte ihm dafür die Übung. Heinrich hingegen war sehr produktiv, kein Jahr ohne Novellen und Romane. In Schlaraffenland. Ein Roman unter feinen Leuten (1900) zeigte sich Heinrichs sozialkritische Einstellung besonders.

Sein Bruder wie auch Schwester Julia wählten den bürgerlichen Weg der Heirat in großbürgerliche und wohlhabende Häuser. Heinrich verachtete diese Welt, er lebte bis 1910 mit Inés Schmied in ‚wilder Ehe'. Thomas kritisierte Heinrich Manns Die Jagd nach Liebe (1903) heftig, seit dem Durchbruch mit den Buddenbrooks spürte er Oberwasser. Während Thomas Mann in den Jahren nach seiner Heirat mit Katia Pringsheim wenig produktiv war, legte Heinrich mit Professor Unrat (1905) eine schonungslose Analyse der Gesellschaft des Kaiserreiches vor. Heinrich verstand sein Schreiben zunehmend als politischen Akt, bekannte sich zu Demokratie und Pazifismus. Seine Kleine Stadt (1909) und Thomas Manns ‚Aristokratenbankrott-Roman' Königliche Hoheit haben ein Thema gemeinsam: Wie soll das Gemeinwesen beschaffen sein? Sie kommen aber zu höchst unterschiedlichen Antworten.

Der Bruderzwist spitzte sich vor dem Ersten Weltkrieg zu. Heinrich heiratete die Prager Schauspielerin Maria Kanová und lebte mit ihr in München; dem Bruder ging er aus dem Weg. Der Ausbruch des Weltkrieges und die unterschiedliche Reaktion der Brüder hatte eine siebenjährige Funkstille zur Folge, die Thomas Mann zutiefst dazu herausforderte, sich dem Bruder zu beweisen. Heinrich Mann hatte gerade den Roman Der Untertan abgeschlossen, der vor dem Krieg nicht mehr erscheinen konnte. Er stand dem Hurra-Patriotismus skeptisch gegenüber, wie ihn Thomas Mann in Gedanken im Kriege äußerte. Anders sein Bruder, den er im Zola-Essay indirekt kritisierte. Die Auseinandersetzung der beiden Brüder steht gleichsam repräsentativ für die Kräfte, die sich in Europa und in Deutschland unversöhnlich gegenüberstanden: Nationalismus und Internationale, Kulturbehauptung und Kosmopolitismus - beides trennte zwei deutschsprachige Schriftsteller, zwei Geschwister, eine Familie. Die Betrachtungen eines Unpolitischen wurden für Thomas Mann die Projektionsfläche für alles, was er auch an sich selbst hasste. Am Ende des Krieges hatte Heinrich Mann mit dem Untertan großen Erfolg, denn er nahm die deutsche Mentalität aufs Korn, die letztlich zum Weltkrieg geführt hatte. Die Betrachtungen waren dagegen auch ein trotziges Manifest der Rechtfertigung eines deutschen Überheblichkeitsgefühls.

Erst 1922 gelang die Aussöhnung zwischen den Brüdern; Thomas Mann hatte sich vom nationalen Irrweg verabschiedet, Heinrich avancierte mit seiner Rede auf Kurt Eisner, mit Macht und Mensch und mit Diktatur der Vernunft zu einem der führenden Intellektuellen der Weimarer Republik. Erst jetzt trafen sich die Familien regelmäßiger; 1916 war Heinrichs einziges Kind, Leonie, zur Welt gekommen. Für Klaus, Erika und Golo Mann war der Onkel ein geschätzter Gesprächspartner, ein Vorbild, ein Familienantipode zum Vater.

Mit den Zeitromanen Mutter Marie (1927), Eugénie (1928) und Die große Sache (1930) hatte Heinrich Mann große Erfolge. Er war Festredner bei einer Gedenkfeier für Viktor Hugo in Paris, legte 1931 einen autobiographischen Rückblick, Chronik der Gedanken und Vorgänge (1929), vor. Ein Jahr zuvor war sein Professor Unrat mit Marlene Dietrich in den Kinos zu sehen - unter dem weltbekannten Titel Der blaue Engel. Von seiner Frau Maria und der Tochter trennte er sich 1928, zwei Jahre später ließ er sich scheiden; Maria wurde 1939 in das KZ Theresienstadt verschleppt und verstarb 1947 in Prag an den Folgen des Lageraufenthalts. Eine neue Frau war in Heinrichs Leben getreten: Nelly Kröger, eine dralle Blonde aus dem Volk. Zeitlebens pflegte Heinrich Mann Umgang mit leichten Mädchen und Bar-Bekanntschaften. In Kutscherkneipen schaute er dem Volk aufs Maul, aber er mischte - ganz realistischer Dichter - auch mit. Nelly galt schnell als Schandfleck der Familie, sie war lustig und laut. Thomas und Katia Mann hatten vor diesen "Heinrich-Bräuten" wenig Achtung. Allgemein machte sich angesichts des Nobelpreises eine Überlegenheitsstimmung in Thomas Mann breit, die die Basis für den versöhnlichen und mildtätigen Umgang mit dem Bruder bildete.

Das Exil bedeutete für Heinrich Mann einen Bruch. Schon in den letzten Jahren der Weimarer Republik hatte er den Kontakt zu den neuesten literarischen Strömungen verloren, die Jahre des realistischen Erzählens schienen, auch bei den anderen Exilanten, vorbei zu sein. Länger als sein Bruder harrte Heinrich Mann, der schon frühzeitig im Jahr 1933 Berlin verlassen hatte, in Europa aus. Resigniert hatte er allerdings nicht, denn mit seinem Lesebuch Es kommt der Tag und der Essay-Sammlung Mut setzte er Zeichen. Wie sein Bruder nahm auch er 1936 nach der Ausbürgerung - Heinrich Mann war einer der ersten, der auf der Liste der Nationalsozialisten stand - die tschechische Staatsangehörigkeit an. Die Bücher des einst Gefeierten wurden in Deutschland verbrannt. Heinrich Mann lebte bis zu seiner Flucht aus Europa in Nizza. Nach einem abenteuerlichen Marsch mit dem Ehepaar Werfel sowie seinem Neffen Golo erreichte er auf der Flucht vor den Deutschen mit Nelly über die Pyrenäen Spanien und schiffte sich von Portugal nach Amerika ein. Wenn dieses Land auch für den Alteuropäer Thomas Mann eine Herausforderung bedeutete - für Heinrich war es eine fremde Welt, deren way of life er nicht teilte.

Auch wenn seine zwei Bücher über Henri Quatre erschienen, die parallel zu Manns Josephs-Tetralogie entstanden waren - ausreichende Einkünfte hatte er nicht, nachdem ein Vertrag mit Warner Brothers in Hollywood auslief. Da nennenswerte Einnahmen nur aus der Sowjetunion kamen, verarmten Heinrich und Nelly Mann. Sie waren nun von den Schecks des Bruders abhängig, der Heinrich zwar zu Hilfe kam und anerkennende Worte fand - an seinem Leben teilhaben ließ er ihn nicht. Dies lag nicht zuletzt an Nelly, die schon vor Jahren begonnen hatte, ihre Probleme im Alkohol zu ertränken und die Ablehnung der Familie Thomas Manns zu spüren bekam; sie nahm sich am 17. Dezember 1944 das Leben.

In seinen Memoiren Ein Zeitalter wird besichtigt schaute Heinrich 1945 auf sein Leben zurück, wenig optimistisch. Freude bereitete ihm eine Brieffreundschaft mit einer Berliner Prostituierten sowie seine Skizzen von üppigen Damen, die vor wenigen Jahren aus dem Nachlass publiziert wurden und die neben aller Schlüpfrigkeit erkennen lassen, dass Heinrich Mann ein Talent zum Zeichnen hatte. Zeitlebens zog es den Patriziersohn zu diesem Typ Frau hin, fühlte er sich unter schlichten Menschen am wohlsten - das hätte sein distinguierter Bruder Thomas niemals vermocht. Für Heinrich Mann war die Parteinahme für die Armen in der Gesellschaft kein Lippenbekenntnis, er hatte die literarische Bewegung, die mit der Arbeiterbewegung einherging, begleitet und geprägt. In seinen Büchern legte er den Finger auf die Wunde; es erscheint als konsequent, dass die Ost-Berliner Akademie der Künste Heinrich Mann als ihre Galionsfigur einspannen wollte. Für den designierten Akademiepräsidenten hätte ein Nachsommer der Ehrungen und Pflichtübungen begonnen - er schwankte lange, sich auf die DDR einzulassen.

Am 12. März 1950 verstarb der fast 80-Jährige in Santa Monica, seine Beerdigung war schwach besucht. Die DDR erwies dem Veteran der Arbeiterliteratur nicht nur durch hohe Auflagen ihre Ehre, Heinrich Manns Urne wurde im Jahr 1961 auf den Dorotheenstädtischen Friedhof nach Berlin überführt. Bereits in den 1960er Jahren begann in der Bundesrepublik eine intensive Beschäftigung mit Heinrich Manns Texten, die heute aus dem Deutschunterricht nicht wegzudenken sind. Auch er ist ein Klassiker der Moderne, wenngleich seine Schriften für eine völlig andere Weltsicht stehen. In vielerlei Hinsicht überwiegen die Gemeinsamkeiten der beiden Brüder Mann. Gestartet waren sie als verschworene Bohemiens, die ihre Ideen gemeinsam entwickelten. Thomas verehrte den Bruder, konnte aber kaum anders, als sich von ihm abzugrenzen.